Ein Einblick in den Beruf des:der Erzieher:in

Was wird eigentlich unter „Erziehung“ verstanden?

Den Begriff Erziehung hast du wahrscheinlich schon einmal gehört und du kennst womöglich auch Erzieherinnen und Erzieher in deinem Bekannten-, Freundes-, oder Familienkreis.

Oft ist die Art und Weise wie wir erzogen wurden oder was wir in der Kindheit durften oder nicht, ein Gesprächsthema im Alltag. Dabei versteht jede:r etwas anderes unter Erziehung und würde andere Begriffe in einer Beschreibung verwenden. Du kannst an dieser Stelle mal überlegen, wie du Erziehung in 2 Sätzen beschreiben würdest. Sicherlich keine leichte Aufgabe, oder? 😊

Kurzdefinitionen des Begriffs Erziehung

Selbst in der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit und eine einheitliche Definition ist nicht zu finden. Außerdem gibt es unzählige Bücher, die sich nur um den Begriff Erziehung drehen. Das verdeutlicht, dass eine Kurzbeschreibung des Konzepts eine kompliziertere Aufgabe ist, als sie scheint. Dennoch möchte ich dir einen Einblick geben und daher habe ich mir verschiedene Begriffserklärungen rausgesucht, die eine erste Idee bieten sollen:

  • Erziehung wird teilweise definiert als ein „Fit- machen“ für das spätere Leben, sozusagen als Vorbereitung und Voraussetzung dafür, dass Kinder ihr späteres Leben meistern können.
  • Erziehung ist eine Einführung in das System des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Aufgabe von Erziehung sei es, Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, körperlich, geistig, seelisch und charakterlich zu fördern und zu formen.
  • Laut Duden bedeutet erziehen in erster Linie nichts anderes als den Geist und Charakter (eines Kindes) zu bilden und eine Entwicklung zu fördern.

Deutlich wird, dass es bei Erziehung eine:n zu Erziehende:n gibt, aber eben auch jemanden von dem die Erziehung ausgeht. Ich nenne diese Menschen zunächst „Ausübende:r von Erziehung“, denn zu dieser Personengruppe haben wir sehr wahrscheinlich auch andere Vorstellungen.

„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern…“ (Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes)

In meinem Fall denke ich zunächst an die Eltern (Adoptiveltern, Stiefeltern, Pflegeeltern) eines Kindes. Dies lässt sich aber auch auf meine Erfahrungen berufen. Andere würden eher die Schule oder den Kindergarten als erziehende Institution nennen, da sie dort das Gefühl hatten, stärker auf das Leben vorbereitet zu werden. In Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes steht: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“.

Dadurch wird deutlich, dass Eltern zunächst das Recht haben, die Erziehung ihres Kindes auszuüben. Da dieses Recht aber auf das Wohl des Kindes ausgerichtet ist, ist dies auch als Pflicht zu verstehen. Daher wacht der Staat über dieses Recht, um das Wohlergehen des Kindes sicherzustellen. Das Wort zuvörderstbedeutet außerdem, dass neben den Eltern noch andere Erzieher:innen mitwirken, beispielsweise eben in Kindertagesstätten oder Schulen. Somit wird die Bedeutsamkeit von Erzieher:innen, als Unterstützer:innen in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen deutlich.

Erzieherin und Erziehung im Wandel der Zeit

Wie ich dir schon beschrieben habe, gibt es viele unterschiedliche Assoziationen mit dem Begriff der Erziehung und auch zu der Idee was dahintersteckt. Neben den oben genannten Aspekten spielen auch historische Gegebenheiten eine Rolle. Ich möchte dich hier nicht mit geschichtlichen Daten langweilen, aber es ist ganz interessant, wie sich Erziehung in den letzten Jahrzenten entwickelt hat.

Denn wenn du dich für den Beruf der Erzieherin interessiert, wirst du mit verschiedenen Erziehungsmethoden in Berührung kommen.

Erziehungsstile als Erzieher:in

Der autoritäre Erziehungsstil

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wurden Kinder eher autoritär erzogen, teilweise auch mit körperlichen „Erziehungsmaßnahmen“. Dabei haben Erwachsenen entschieden, wie sich Kinder zu verhalten haben. Zu dem autoritären Stil gehören strenge Regeln, Kontrolle und Bestrafungen. Dabei gibt es ein starkes Machtgefälle im Verhältnis von Ausübenden der Erziehung und zu Erziehenden.

Der demokratische Erziehungsstil

Heutzutage läuft Erziehung in den meisten Fällen (vor allem auf institutioneller Ebene) eher demokratisch ab. Bei dem demokratischen Erziehungsstil haben Kinder Spielraum für die eigene Entscheidungsfreiheit. Das Bedeutet nicht, dass es keine Grenzen und Regeln gibt, aber das Kind hat im Alltag Partizipationsmöglichkeiten.

Allgemein ist ein Wandel von traditionellen Zielen, wie beispielsweise Pünktlichkeit und Disziplin, hin zu einer Förderung der Selbständigkeit und Persönlichkeitsentwicklung zu beobachten.

Neben diesen beiden Methoden gibt es noch deutlich mehr, beispielsweise den Laissez-Faire Stil oder den Negierenden Erziehungsstil. Um die Bandbreite von diesen verschiedenen Stilen zu erkennen, müssten wir eigentlich verschiedene Einrichtungen oder Familien besuchen. Ganz interessant finde ich daher die Sendung „Mein Kind, dein Kind – Wie erziehst du denn?“, (VOX) in der Eltern einen Einblick in ihre eigenen Erziehungsmethoden ermöglichen.

Erzieherin – auch heute noch ein rein weiblicher Beruf?

Um auf den Beruf der Erzieher*in Bezug zu nehmen, so sind auch patriarchale Aspekte interessant. Erzieherin gilt nämlich häufig noch als „Frauenberuf“.  Das kommt unter anderem daher, dass früher in dem klassischen Familienbild mit traditionellen Rollenverteilungen die Kindererziehung Frauenarbeit war. Daher wurde auch der Beruf der Erzieher:in traditionell eher von Frauen ausgeübt, da die Tätigkeiten in ihr Aufgabenspektrum fielen.

Die führsorgliche Mutter galt lange als Leitbild für den Beruf. Aber auch heutzutage sind klassische Rollenbilder in der Gesellschaft noch immer nicht abgebaut, weshalb dieser Einfluss noch zu spüren ist.

Um dir das zu verdeutlichen: 2020 gab es in Deutschland 48.554 männliche Fachkräfte in Einrichtungen der Kinderbetreuung; im Gegensatz zu knapp 634.000 Frauen.

Erzieher:in

  1. Art der Ausbildung: schulisch und praktisch
  2. Dauer der Ausbildung: Vollzeit 2-4 Jahre, Teilzeit 3-6 Jahre (je nach Bundesland)
  3. Voraussetzung: Mittlere Reife
  4. Vergütung: beispielhafte tarifliche Bruttovergütung ab 2,830€ bis 3,855€ (Quelle Arbeitsagentur)
  5. Tätigkeitsbereich: Kinderbereich, Jugendbereich, Beratungsstellen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung usw.
  6. Hauptaufgaben: Betreuen, fördern, erziehen
Merke:
Eine Kindergärtnerin ist eine Erzieherin für Kinder unter dem Grundschulalter.

Interview mit einer Erzieherin

Um dir einen besseren Einblick in den Beruf der Erzieher:in zu geben, habe ich ein Interview mit einer Fachkraft geführt. Ihr Name ist Leonie*, sie ist 56 Jahre alt und ist seit 1985 Erzieherin. Nach der Ausbildung hat sie 6 Jahre lang in einer Kindertagesstätte gearbeitet und hat sich dann 21 Jahre um ihre 4 Kinder gekümmert hat. Nachdem alle Kinder erwachsen waren, ist sie wieder eingestiegen. Seitdem arbeitet sie seit 8 Jahren in einer Kindertagesstätte.

Warum hast du dich für den Beruf als Erzieherin entschieden?

„Ich arbeite unheimlich gerne mit Kindern zusammen und brauche einen abwechslungsreichen Beruf. Ich kann in meinem Job meine Kreativität ausleben. Außerdem bin ich gerne an der frischen Luft und könnte mir einen Bürojob nicht vorstellen.“

Pro und Contra für den Beruf als Erzieher:in, Kindergärtner:in

Welche positiven und negativen Aspekte würdest du in deinem Beruf als Erzieherin mit 15 Jahren Berufserfahrung nennen:

Positiv Negativ
- Arbeit mit Kindern
- Abwechslungsreich
- Möglichkeit etwas Positives zu bewirken
- Beruf bringt Spaß und Freude
- Flexibilität
- Gefühl des Familienersatzes aufgrund längerer Betreuungszeiten
- Gruppen zu Groß
- Schlechter Personalschlüssel
- Psychische Belastung
- Kontakt mit vielen Krankheiten/ Infektionsrisiko

Was sollte deiner Meinung nach ein:e Erzieherin mitbringen?

„Erzieher:innen sollte physisch und psychisch belastbar sein, da man zum einen sehr viel in Bewegung ist und auch Kinder immer wieder hochheben muss.  Andererseits hat man auch mit komplexen Fällen zu tun, die einen nach Feierabend noch beschäftigen können. Außerdem ist Empathie, Freude an der Arbeit mit Kindern und Teamfähigkeit wichtig. Es muss außerdem bewusst sein, dass die Arbeit nicht nur mit den Kindern stattfindet, sondern auch zu einem großen Teil mit den Eltern, mit Behörden und im administrativen Bereich.“

Was bedeutet für dich Erziehung bzw. in welcher Rolle siehst du dich als Kindergärtnerin?

„Erziehung bedeutet für mich jedes Kind so zu fördern, dass das Kind bestmöglich auf den Weg für ein gutes Leben gebracht wird. Ich möchte die Kinder stark machen und möchte Werte vermitteln wie ein gutes soziales Miteinander und Sensibilität im Umgang mit unserer Natur. Ich verstehe mich außerdem als Anwalt der Kinder.“

Sollten Erzieherinnen und Erzieher einen bestimmten Erziehungsstil ausüben? Welchen wendest du an?

„Wir erziehen bei uns nach einem demokratischen Erziehungsstil. Aber ich entscheide auch viel aus dem Bauch heraus. Wichtig ist mir nur, das Kind in die Mitte zu stellen, sodass sich jedes Kind angenommen und wertgeschätzt fühlt.“

Erkennst du Unterschiede zwischen deinen ersten Jahren als Kindergärtnerin und nun, nach über 20 Jahren Pause?

„Früher gab es eher geschlossene Gruppen, das bedeutet, dass alle Kinder gleichzeitig in einer Gruppe waren. Heute gibt es eher ein teiloffenes oder offenes System in Kindertagesstätten. Dabei gibt es beispielsweise Funktionsräume und die Kinder können sich mit einem Pinnsystem auf unterschiedliche Räume verteilen. Die Erzieher*innen sind dann auf diese Räume aufgeteilt.

Heute gibt es außerdem mehr zu verschriftlichen, da es Qualitätsmanagement gibt. Es gab außerdem früher feste Vorbereitungszeiten für Erzieher*innen (täglich mindestens eine Stunde), dies gibt es heute kaum mehr. Wir haben auch nicht so sehr nach Partizipation gearbeitet, welches heute eines der Hauptmerkmale ist.

Meine letzte Frage an dich; Bist du mit deinem Verdienst zufrieden:

„Joa (zögert), es reicht schon, aber wer hätte schon nicht gerne mehr 😊 „

Fazit:

Erziehung ist also, wie du gelesen hast, sehr vielschichtig. Jeder Mensch versteht das Konzept auf unterschiedliche Weise und auch in der Praxis werden verschiedene Erziehungsstile angewendet. Gesellschaftliche Strukturen beeinflussen unsere Art des Erziehens und auch den Beruf des:der Erzieher:in.

Wenn du dich für den Beruf interessierst, ist es wichtig, dass du motiviert bist mit Kindern oder Jugendlichen zu arbeiten und dir vorstellen kannst die Haupttätigkeiten eines:einer Erzieher:in auszuführen.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meiner Interviewpartnerin. Ich hoffe wir beide konnten dir einen Einblick in das Berufsfeld geben.

In meinen anderen Blogartikeln spreche ich im Detail noch einmal über folgende Bereiche:

  • Ausbildung (Link)
  • Voraussetzungen und Anforderungen (Link)
  • die Jobsuche in diesem Bereich (Link)
  • Weiterbildungsmöglichkeiten (Link)
  • Bewerbungstipps (Link)
  • die Möglichkeit des Quereinstiegs (Link).

Quellen

Bayerischer Rundfunk (o.J.): Kindererziehung – Modesache? Wie die Gesellschaft ihre Kinder prägt. Online im Internet: http://www.br-online.de/imperia/md/content/bayern/collegerad/geschichte/205.pdf [Stand: 07.02.2021].

Bpb (2017): Schutz von Ehe und Familie und von Kindern nicht verheirateter Eltern. Online im Internet: https://www.bpb.de/izpb/254388/schutz-von-ehe-und-familie-und-von-kindern-nicht-verheirateter-eltern [Stand: 07.02.2021].

Bpb (2021): Erziehung. Online im Internet https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/320240/erziehung [Stand: 07.02.2021].

Bundesagentur für Arbeit (2021): Erzieher/in. Online im Internet: https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index?path=null/kurzbeschreibung&dkz=9162 [Stand:07.02.2021].

Duden (2020): Erziehen. Online im Internet: https://www.duden.de/rechtschreibung/erziehen#Bedeutung-1 [Stand:07.02.2021].

Hans Böckler Stiftung (2001): Wandel der Familie. Online im Internet: https://www.boeckler.de/pdf/p_arbp_048.pdf [Stand: 07.02.2021].

Kindererziehung (2021): Erziehungsstile. Online im Internet: https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Erziehungsstile/Antiautoritaerer-Erziehungsstil.php [Stand:07.02.2021].

Metzinger, Adalbert (2019): Die Erzieherin- bis heute fast ein reiner Frauenberuf. Online im Internet: https://www.erzieherin.de/files/Arbeitsleben/KiTa_BW_09_2019_Innenteil_5_S16-18.pdf [Stand:07.02.2021].

Nagel, Bernhard (2000): Der Erzieherberuf in seiner historischen Entwicklung. Online im Internet: https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/geschichte-der-kinderbetreuung/weitere-historische-beitraege/95 [Stand: 07.02.2021].

Profiling Institut (2020): Der autoritäre Erziehungsstil. Online im Internet: https://www.profiling-institut.de/der-autoritaere-erziehungsstil/#:~:text=Das%20Verh%C3%A4ltnis%20zwischen%20Eltern%20und,hohen%20Erwartungen%20der%20Eltern%20erf%C3%BCllt. [Stand: 07.02.2021].

Statista (2020): Männliche Fachkräfte in der Kinderbetreuung in Deutschland bis 2020. Online im Internet: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1011435/umfrage/maennliche-fachkraefte-in-der-kinderbetreuung-in-deutschland/ [Stand: 07.02.2021].

Stiftung Beiserhaus (o.J.): Erziehung im Wandel der Zeit. Online im Internet: https://www.beiserhaus.de/loesungsorientiertes-arbeiten-loa/articles/erziehung-im-wandel-der-zeit.html#:~:text=In%20der%20Zeit%20nach%20dem,%2C%20Gehorsamkeit%2C%20Unterordnung%20und%20Anpassung.&text=Trotzdem%20ist%20dieser%20Erziehungsstil%2C%20bzw.[Stand: 07.02.2021].

Über die Autorin

Bianca Still unterstütz Freiplatzmeldungen.de mit einem Wissens-Block zum Thema Erzieher*in. Sie studiert momentan Soziale Arbeit: transnational und hat davor auch selbst die Ausbildung zur Sozialassistentin in Rheinland-Pfalz absolviert (Vorstufe des*der Erzieher*in).

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